Wie geht es dir in deiner aktuellen Rolle?
- hauboldconsulting
- vor 1 Tag
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Am Wochenende war ich auf einem Rittermarkt in Mannheim. Zwischen Zelten, Feuerstellen und Marktständen bewegten sich Menschen in Rüstungen, Gewändern und aufwendig gestalteten Lederrüstungen – manche spielerisch verkleidet, andere mit beeindruckender Detailtreue, als wären sie tatsächlich aus einer anderen Zeit herübergetreten.
Faszinierend war für mich weniger die Kulisse als das, was dahinter steckt: Die Menschen ziehen sich nicht einfach etwas an – sie nehmen eine Rolle an. Mit sichtbarer Ernsthaftigkeit, großer Hingabe und gleichzeitig viel Spielfreude. In dem Moment verändert sich die Atmosphäre: Der Ort fühlt sich an wie eine andere Welt, mit eigenen Regeln, Codes und Erwartungen.
Rollen in Organisationen: Orientierung und Begrenzung
Eigentlich ist das in Organisationen gar nicht so anders. Auch in Unternehmen bewegen wir uns ständig in Rollen: Führungskraft, Projektleiterin, Expertin, Kollegin, Teammitglied. Diese Rollen geben Orientierung. Sie machen sichtbar, welche Verantwortung jemand trägt, welche Entscheidungen dort getroffen werden und wie Zusammenarbeit organisiert ist.
Rollen sind damit ein zentrales Ordnungsprinzip:
Sie schaffen Klarheit über Aufgaben, Zuständigkeiten und Entscheidungsbefugnisse.
Sie erleichtern Abstimmung und Zusammenarbeit, weil Erwartungen expliziter werden.
Sie ermöglichen Effizienz, indem Doppelarbeit reduziert und Verantwortlichkeit gestärkt wird.
Ohne Rollen würden Organisationen schnell chaotisch: Viele würden an denselben Themen arbeiten, anderes würde liegen bleiben, Entscheidungen würden verpuffen.
Wenn Rollen zur „Rüstung“ werden
Mit der Zeit wachsen Menschen in ihre Rollen hinein. Sie entwickeln Routinen, Kompetenzen, Haltungen – und ein Rollenverständnis, das für Stabilität sorgt. Manche Rollen passen erstaunlich gut: Sie ermöglichen Wirksamkeit, Freude an Verantwortung und das Gefühl, am richtigen Platz zu sein. Andere Rollen sind eher Zumutung als Match: Sie fordern stark heraus, bringen an Grenzen und verlangen kontinuierliches Lernen.
Besonders interessant wird es, wenn eine Rolle, die einmal gut gepasst hat, langsam enger wird. Das kann verschiedene Gründe haben:
Die Aufgaben und Rahmenbedingungen haben sich verändert.
Die Organisation hat sich strukturell oder kulturell weiterentwickelt.
Die eigene berufliche Entwicklung ist einen Schritt weiter, als es die Rolle abbildet.
Dann fühlt sich die Rolle nicht mehr wie ein Raum an, in dem man wachsen kann – sondern eher wie eine Rüstung, die einst gut saß, jetzt aber an Schultern und Kanten drückt. Orientierung schlägt in Einengung um. Genau an dieser Schwelle entstehen häufig Reibung, Unzufriedenheit, Erschöpfung – oder auch stille innere Kündigung.
Rollen sind keine statischen Kostüme
Rollen in Organisationen sind keine Kostüme, die einmal definiert und dann unverändert getragen werden. Sie sind Teil eines lebendigen Systems: Aufgaben, Märkte, Teams und Menschen verändern sich – Rollen sollten das spiegeln. Professionelle Organisationen erkennen das und schaffen Räume, in denen Rollen regelmäßig reflektiert, neu justiert und weiterentwickelt werden können.
Das kann zum Beispiel bedeuten:
Rollenbeschreibungen nicht nur formal zu dokumentieren, sondern im Dialog zu schärfen.
Verantwortung bewusst zu verschieben, wenn Kompetenzen, Interessen oder Strategien sich verändern.
Übergänge zwischen Rollen (z. B. von Expertin zur Führungskraft) aktiv zu begleiten, statt sie dem Zufall zu überlassen.
So entstehen Rollen, die sowohl zur Person als auch zur Organisation passen – und die genügend Flexibilität bieten, um Entwicklung zu ermöglichen, ohne laufend Strukturen zu sprengen.
Reflexion: Welche Rollen tragen wir – und tragen sie uns noch?
Der Rittermarkt macht etwas sichtbar, das im Alltag oft unscharf bleibt: Rollen sind etwas sehr Lebendiges. Wir können bewusst in sie hineingehen, sie ausgestalten – und auch hinterfragen, ob sie noch passen. Für den beruflichen Kontext können ein paar einfache Reflexionsfragen helfen, die eigene Rollensituation klarer zu sehen:
Welche Rollen nehme ich aktuell in meinem beruflichen Umfeld ein (formal und informell)?
Welche dieser Rollen passen gut zu mir und geben mir Energie?
In welchen Rollen wachse ich gerade, lerne Neues, entwickle mich weiter?
Wo beginnt sich eine Rolle enger oder unbeweglicher anzufühlen, als sie sein müsste?
Welche Gesprächs- oder Gestaltungsräume brauche ich, um diese Rollen weiterzuentwickeln?
Solche Fragen sind kein Selbstzweck. Sie schaffen Bewusstsein dafür, wie gut Rollen, Person und Kontext zueinander passen – und wo es Entwicklung oder Klärung braucht. Selbstreflexion über die eigene Rolle stärkt die professionelle Identität und verbessert die Qualität von Entscheidungen und Beziehungen im Arbeitskontext.
Rollen bewusst gestalten – als Führungs- und Organisationsaufgabe
Rollen geben Orientierung. Sie können Menschen wachsen lassen. Und sie müssen sich verändern dürfen, damit Entwicklung möglich bleibt – auf individueller und organisationaler Ebene.
Der Rittermarkt in Mannheim hat mir das auf eine unerwartet klare Weise vor Augen geführt: Menschen steigen dort bewusst in eine andere Rolle ein, verkörpern sie mit Überzeugung – und verlassen sie wieder. In Organisationen ist der Rollenwechsel weniger sichtbar, aber genauso wirksam.
Die zentrale Frage ist daher:Gestalten wir Rollen bewusst – oder laufen wir ihnen hinterher?
In meiner Arbeit mit Führungskräften und Organisationen begleite ich genau diese Klärungsprozesse: Wie müssen Rollen aussehen, damit sie sowohl strategische Ziele unterstützen als auch Menschen die Möglichkeit geben, sich stimmig zu entfalten?
Wenn Sie das Gefühl haben, dass bestimmte Rollen in Ihrem System nicht mehr wirklich passen – für Sie selbst, Ihr Team oder Ihre Organisation – kann ein strukturierter Blick darauf ein wichtiger erster Schritt sein.
Wäre es für Sie hilfreich, Ihre aktuellen Rollen und deren Passung in einem geschützten Rahmen zu reflektieren und weiterzuentwickeln?

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